Können wir nicht einfach ein bisschen Ennio Morricone sein?

FotoDer Streit um die Wagenhallen ist wieder auf die Kulturbühne in Stuttgart zurückgekehrt, heftiger denn je, denn diesmal geht es um das große Geld, 30 Millionen schwirren im Raum. Das Erste, was mir sofort aufgefallen ist, dass es eine Konstante zwischen politischen und kulturellen Diskursen gibt: die konservative Seite hält, auch bei größeren Differenzen stramm zusammen, während das linksliberale Spektrum in kleinteiligen Diskussionen das eigentliche Ziel aus den Augen verliert.

Der begrenzt zur Verfügung stehende Raum in Stuttgart ist auch für die Kultur ein großes Problem und zwar für die ganze Klaviatur der Kultur. Bildende Künstler brauchen Ateliers, die sie durchgehend nutzen können, die freie Szene brauche Räume zum Aufführen, Kunst braucht Räume um ausgestellt und Musik Flächen um gespielt zu werden. Eines der vorrangigen Ziele Kulturschaffender in Stuttgart sollte immer sein, so viele Räume wie möglich für Kunst und Kultur zu erkämpfen. Nur, welche Kunst und Kultur ist es denn überhaupt Wert, dass man für sie kämpft?

Adorno riebe sich vergnüglich jeden Tag die Hände, könnte er miterleben wie seine kulturkritischen Argumente innerhalb der Populärkultur eingesetzt werden um dieselbige zu diffamieren und in denselben Argumentationschor wie die Hochkultur einzustimmen und damit gleichzeitig ihren kulturpolitischen Vorsprung auszubauen. Nicht, dass wir nicht innerhalb der Populärkultur auch Kriterien zur Differenzierung benötigen, im Gegenteil, allerdings kann man gar nicht so schnell Halt sagen, wie das Kulturindustrieargument aus dem Hemdsärmel gezogen und von Helene Fischer über Max Goldt, Rocko Schamoni alles über einen Scheitel gezogen wird. In den allermeisten Fällen, so auch im Fall des Kulturbetriebes Wagenhallen, klingt das dann meistens so: „Aber die sind ja so kommerziell und machen nur Dinge für die Masse, es geht nur ums Geld“. Da wird wenig differenziert und die Demarkationslinie was denn nun genau Kommerz ist, wird an dem Glauben festgemacht, dass man als Künstler in unserem System so etwas wie eine durchgängige Haltung an den Tag legen könnte, die sich darin erstreckt unabhängig von merkantilen Geschehnissen sein Ding zu machen.

Die Dynamik, die sich aus einer Konstellation Kulturbetrieb Wagenhallen vs. Kunstverein Wagenhallen ergibt, hat und kann weiterhin im Idealfall wunderbare Dinge für Stuttgart hervorbringen. Schon allein deswegen müssen die Wagenhallen als Gesamtkonzept erhalten werden und weil wir in Stuttgart einerseits dringend die Clubfläche benötigen und anderseits Stuttgart es sich keinesfalls leisten kann, wichtige und renommierte Künstler an andere Städte zu verlieren.

Vor kurzem war ich auch auf dem Konzert von Maestro Morricone. Auf der Bühne ein Chor, ein klassisches Orchester Set , dazu noch Synthesizer, E-Gitarrre, Schlagzeug, etc.
Ennio Morricone sah sich auch Zeit seines Lebens mit Menschen konfrontiert, die in ihren Denkparadigmen verhaftet, Musik nur noch mit der Ratio und nicht den Herzen wahrzunehmen in der Lage waren. Seine Musik ist inzwischen fester Bestandteil unseres kulturellen Gedächtnisses und der Abend ein schönes Sinnbild, wie man durchaus verschiedene Kulturansätze und zu einem imposanten, beeindruckend harmonischen Orchester zusammenzufügen kann.

Können wir nicht einfach ein bisschen Ennio Morricone sein?

Das Andere ohne das Andere

Studio. Vector illustration.Unweit von meiner Wohnung, die zu einem Stadtteil des Stuttgarter Ostens gehört, ein Stadtteil übrigens, der ein wenig darniederliegt, weil ein leerstehender Laden sich an den nächsten reiht, vor allem, weil die Wiederbelebungsversuche immer wieder ökonomischen und nicht kreativen Denkmustern folgen, in diesem Stadtteil ( und natürlich vielen anderen) eröffnete unlängst so etwas ein „Fitnessstudio“.

„So etwas“ deswegen, weil es nicht mehr ist als eine Ladenfläche, spartanisch eingerichtet, mit einer Plattform im vorderen Bereich, auf der der Fitnessbedürftige mehr oder weniger im Schaufenster präsentiert wird. Die Muskeln werden von einer Apparatur stimuliert und trainiert, die Maschine erledigt die Arbeit mit und das Versprechen dieser Company lautet, dass 20 Minuten in der Woche genügen und effektiver sind als das herkömmliche Training in miefigen Turnhallen oder blankgeputzten Fitnesspalästen.

Herrlich, dachte ich, dass ist der Sidekick zu Slavoj Žižeks Diskurs des „entkoffeinierten Anderen“. Es hat in den letzten Jahren einen entscheidenden Switch in unserer Gesellschaft gegeben: Von „zuviel davon schadet“ zu „du kannst soviel davon konsumieren, wie du willst“. Denn immer mehr entfernen wir die „gefährlichen“ Eigenschaften der Waren, die wir konsumieren – Kaffee ohne Koffein, Bier ohne Alkohol, Sahne ohne Fett, Süßigkeiten ohne Zucker, die (elektrische) Zigarette ohne Nikotin etc. etc. Der neue hedonistische Mensch kann alles genießen in unserer Zeit, allerdings ohne das vermeintlich „Schädliche“.

Und diese spartanisch eingerichtete Ladenfläche verspricht nun also Fitness ohne Sport, ohne Bewegung, also Sport ohne Sport, das, was Mühe bereitet, das, was schmerzhaft sein kann, existiert nicht mehr, Fitness ohne Sport mit geringem Zeitaufwand. Auch hier wird der Faktor, der Probleme bereiten kann, entfernt.

Dass der ganze Vorgang vor einem möglichen Publikum stattfindet, weil von außen einsehbar, man also mehr oder weniger auf dem Präsentierteller schwitzt, während man von einer Maschine fit gemacht wird, offenbart ein weiteres Kennzeichen unserer Gesellschaft. Im Zeichen der Transparenz, in der der nächste Porno nur einen Klick weit weg ist, scheint alles sichtbar gemacht zu werden, gleichzeitig gibt es immer weniger eine Sichtbarmachung von Arbeit, alles soll leicht, glatt, nach Entertainment aussehen, es soll Spaß machen.

Die Zurschaustellung von Etwas, das mit Attributen von Arbeit verbunden ist, die jedoch als solche nicht mehr zu erkennen sind, in diesem Fall die Arbeit des trainierenden Menschen, ist letztendlich auch eine starke Metapher für das ultimative Ziel einer tiefen Sehnsucht unserer heutigen Gesellschaft: Erfolgreich sein, ohne etwas dafür tun zu müssen –Erfolg ohne Arbeit.