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Dichtung und Wahrheit, Rocker Ade und warum Clubs Kultur sind

Studio. Vector illustration.
“Disco wird immer Existieren…Disco wird für immer in unseren Herzen sein, denn etwas das so toll und wichtig und wunderbar war kann nicht so einfach untergehn.“ (Studio 54 Zitat)

“Like it or not, the free market economy is the only show in town.“ (Boris Johnson)

Viel ist dann nicht mehr in Stuttgart. Wenn das Rocker schließt. Sind ja eh schon fast alle weg. Also Clubs. Und ob das wieder wird. Fraglich. Irgendwie alles verquer, kein Platz mehr im Kessel für ganz bestimmte Dinge. Für andere hingegen schon.
Die Schließung der Röhre, das Ende des kommunalen Kinos, der Aufstieg der Theodor-Heuss-Straße zur Ballermannpartymeile, das Milaneo (“Einkaufen, Wohnen, Arbeiten“ – in dieser Reihenfolge), das Gerberviertel, etc. etc. sind Symptome eines Hintergrundsrauschen, das Stuttgart schon seit sehr langer Zeit begleitet, Tag für Tag lauter wird, sich in nahezu allen Lebensbereiche schiebt:

Alles und jeder wird den Markregeln unterworfen und die Gewinner bestimmen schon bald für jeden klar sichtbar das Stadtbild.

Auch die Kultur, sei es nun die Hoch-, Pop- oder „Subkultur” kann sich dem nicht entziehen. In der Diskussion, was denn nun in Stuttgart präferiert wird, ist für mich somit die vorrangige Frage: Gibt es noch Kultur in Stuttgart, die sich der ökonomischen Infrastruktur entzieht, die in anderen Kategorien denkt, die sich nicht dem Prinzip der ökonomischen Nützlichkeit anpasst? Kann es eine Entkoppelung vom Ökonomischen geben und damit eine Basis um weitere Kriterien zu erarbeiten, die Grundlagen für einen neuen Diskurs sein können, der dringend notwendig ist, um überkommene Vorstellungen neu zu justieren, um Neues einzubringen?

Das Kulturschaffende oft selbst ein System befeuern, das in letzter Instanz ihrer eigenen Abschaffung dient, ist vielen oft nicht klar. Wir legen uns selber rein, wenn wir Kultur meinen, aber von Kreativwirtschaft reden. Wenn wir anfangen Kreativät zu ökonomisieren, passiert das, was eben nun mal passiert, sie wird nach der Regel der Ökonomie bewertet. Man sollte nicht in das marktwirtschaftliche Spiel einsteigen, sondern selbstbewusst den Platz von Kultur und Kunst als Selbstverständlichkeit der Gesellschaft einfordern. Das Argument, Geld für Kultur auszugeben sei mehr oder weniger ein Hobby, beruht immer auf der Denkstruktur, Investitionen müssten Gewinne materieller nach sich ziehen – das stimmt natürlich für Unternehmen, aber eine Stadt ist keines. Das für eine Stadt „Gewinn“ auch anderes aussehen kann, wird in die Überlegungen nicht einbezogen.

Und es ist bei weitem nicht so, dass jede Großinvestition automatisch ökonomischen Erfolg bedeutet – die Erzählung unterscheidet sich hier oft von der Realität. Im Nachhinein war die Wahrheit dann oft auch Dichtung.

Dafür gibt es einige Beispiele in Stuttgart. Zum Beispiel die Königsbau- Passagen. Kaufkraft, Impulsgeber für die Stadt war die Dichtung der ECE- Mall, die Wahrheit war, dass der zweite Stock ( in dem unter anderem Stilwerk untergebracht war) komplett dichtgemacht wurde: Designer raus, Fressgasse rein.

Oder das Milaneo und das Dogma der unendlichen Kaufkraft in Stuttgart, das natürlich eng mit dem Glauben verbunden ist, dass Wachstum immer Wohlstand bedeutet. Die Kaufkraft, die im Milaneo oder dem Gerber gebunden wird, wird woanders fehlen – hallo Einzelhandel. Ganz abgesehen davon, dass dies keine Impulse für die Stadtteile gibt, sondern genau den gegenteiligen Effekt erzielt. Ach ja, und das Dorotheen Quartier gibt es auch noch. Wahnsinn.

Was, wenn nicht Kultur, kann da noch Ausgleich schaffen. Gerade Stuttgart, dessen Focus immer auf Arbeit lag, hat durch Kultur die Möglichkeit, den Standort neu zu definieren. Die Kultur, lässt sich von der Wirtschaft oft in eine Wahrheit drängen, die die falsche ist. Dabei ist die Dichtung ihre Kernkompetenz. Wenn die Shoppingklotze davon sprechen, dass sie Impulsgeber für die Stadt sind, also damit meinen, erst konsumieren und dann flanieren, muss Stuttgart mehr bieten als nur die Möglichkeit, Einkaufstüten mit nach Hause zu nehmen.

Natürlich tut es das schon. Teilweise. Die Hochkultur voran. Die Staatstheater sind großartig. Die Aufführungen des Schauspiel Stuttgart, auch dank Armin Petras, sind diese Saison unglaublich. Und wenn Marco Goecke für das Stuttgarter Ballett choreographiert, die große Ballettposen ins Mikroskopische transformiert, ist das große Kunst in bestem Sinne, auch nach der oben erwähnten Definition. Das gilt auf für die weiteren „ Leuchttürme“ wie die Staatsgalerie oder das Kunstmuseum. Doch genau so brauchen wir das, was sich im Kleinen abspielt, Künstler die die Räume dieser Stadt einnehmen, gestalten, produzieren, ausstellen. Und, jetzt sind wir wieder bei Disco, ebenso benötigen wir ein Nachtleben, das als Sozialisationsinstanz, insbesondere ( aber nicht nur) bei Jüngeren im Rahmen einer städtischen Kultur unabdingbar ist. Clubs sind der Gegenentwurf zu institutionellen Vorgaben, sei es nun die Arbeitswelt oder Bildungseinrichtungen, ein Raum im Raum, in dem die Außenwelt nicht eindringt, der gleichzeitig als Utopie in der ursprünglichen Bedeutung des “Nicht-Ortes“ fungiert, eine Abgrenzung vom Alltäglichen im zeitlich Begrenzten.

Denn wenn wir von Atmosphäre sprechen, die diese und jene Stadt hat, meinen wir das alles was oben beschrieben ist, das ist die Seele einer Stadt und nicht das Stadtbild verschandelnde Shopping und Bürocenter.

Es gibt Orte und Projekte in Stuttgart, die Blaupause sein können für die Zukunft:
Lotte. Land of the temporary Eternity, dieses Kleinod, irgendwo zwischen Projektraum, Begegnungsstätte, Kunst und Experiment, das Galao, neohippie ambiente und die besten Wohnzimmerkonzerte Stuttgarts, der WKV, der endlich wieder das Politische ins die Kunst gebracht hat, das Climax, konstant am Mainstream vorbei, ist es zu einer Institution in Stuttgart geworden etc. etc.

Wir brauchen noch viel mehr davon, und in der politischen Verantwortung liegt es, die Räume und Orte bereitzustellen. In der Verantwortung der Kulturschaffenden liegt es diese einzufordern und neben dem Konkreten, einen neuen Diskurs um die Zukunft der Kultur in Stuttgart zu beginnen und ein Denken zu fördern, dass nicht von Expertentum geprägt ist, sondern vom Denken um prinzipielles.

P.S. „Kultur im Dialog“ war ein guter Anfang / Ich habe der Versuchung nicht nachgegeben, das Berghain als Beispiel aufzuführen ( ja, ja, ich weiß, ist ja längst nicht mehr, was es einmal wahr) / Frankfurt ist vor allem wegen seiner Kultur von der New York Times in die Top 10 der weltweit lohnendsten Reiseziele gewählt worden. Hallo? Frankfurt ?/ Verdammte geile Partys im Rocker erlebt. Schade!

Occupy Gotham oder Batmans Sprung in den Glauben – Teil 1

The fireball

„Ein Sturm zieht auf, Mr. Wayne. Sie und Ihre Freunde sollten sich lieber vorbereiten. Denn wenn er losbricht, werden sie sich alle fragen, wie sie jäh so maßlos leben konnten, während sie uns anderen so wenig lassen.“

Catwoman spricht diese Worte zu Bruce Wayne und richtet sie ohne ihr Wissen auch gleichzeitig an Batman, damit an zwei Adressaten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Dialektisch geradezu. Doch besteht in der Aufhebung dieses Gegensatzes, wenn man so will, in der Einheit zwischen dem “An-sich-Sein” und dem “Für-andere-Sein” in meiner Wahrnehmung, in meinem Wissen, die Möglichkeit, den Typ Mensch zu sehen, der tatsächlich Veränderungen bewirken kann?

Bruce und der Kulturkapitalismus

Bruce Wayne ist der prototypische Liberale. Irgendwo zwischen Bourgeoise und Citoyen transzendierend, besteht sein Bestreben darin, soziale Ungerechtigkeiten vor allem ökonomisch zu bekämpfen. Diese ethische Erfahrung, also ein gutes Werk zu tun, sich um die Welt zu sorgen, natürlich mit dem Einbeziehen des ökologischen, dass auch typisch im Verständnis der heutigen Liberalen, als Autorität gesetzt wird, die nicht hinterfragbar ist und einen essentiellen, religiösen Charakter besitzt.

Es fällt nicht schwer sich Bruce Wayne als Käufer von Bioprodukten vorzustellen, Vegetarier, einem der Fairtrade Produkte kauft – als großzügiger Spender für karitative Zwecke ist er sowieso bekannt, für einige Stiftungen trägt er standesgemäß Sorge. Der Konsum eines Bruce Wayne ist nicht mehr Konsum als solcher, sondern beinhaltet auch immer eine ethische Komponente, mit der man sich gleichzeitig vom Akt des Konsumieren freikaufen kann – der Kasten Bier kauft sich leichter, wenn man auch (vermeintlich) etwas gutes tut für den Urwald am Amazonas.

Das System als solches wird nie hinterfragt, denn letztendlich profitiert man im großen Maße davon. Wayne Enterprises, sein Unternehmen, mit einem nach forbes.com geschätzten Umsatz von ca. 31 Milliarden im Jahr und unter anderem tätig in Verteidigungstechnologie und Chemie, nutzt die Möglichkeiten, die das System bietet um maximalen Profit zu erwirtschaften. Einen Teil des Kapitals versucht er, einem Ablasshandel gleich, für gute Zwecke einzusetzen. Dieses Phänomen ist z. B. von Leuten wie Bill Gates, Warren Buffett auf die Spitze gebracht worden, die Riesensummen spendeten. Die Tatsache die dabei ausgeblendet wird, ist, dass sie jahrzehntelang jegliche Möglichkeit des Systems ausgenutzt haben, mit allen offensichtlichen Nachteilen, um die sie wissen, und die sie nachträglich mit ihrer Superspende zu mildern versuchen.

Oscar Wilde hat dies in „The soul of man“ treffend beschrieben: „[…], it is much more easy to have sympathy with suffering than it is to have sympathy with thought.“ Und weiter: „They try to solve the problem of poverty, for instance, by keeping the poor alive; or, in the case of a very advanced school, by amusing the poor. But this is not a solution: it is an aggravation of the difficulty.“ Man ist Teil eines Systems, das Armut generiert, man bekämpft diese jedoch nicht, indem man über die Ursachen nachdenkt und diese versucht anschließend zu ändern, sondern lediglich, indem man Symptome behandelt. Das führt bestenfalls zu einem Zustand, der wohl am Besten mit „zum Leben zu wenig, zu viel zum Sterben “ umrissen ist, nie jedoch darauf abzielt, tatsächlich die Armut zu überwinden. Das perfide ist, dass überwältigt vom Leid, altruistische Mechanismen in Bewegung gesetzt werden, die uns zur vermeintlich guten Tat veranlassen, die sie zweifellos ist, jedoch im Glauben Gutes zu tun, verharren wir dort, ohne nach dem Grund zu fragen, warum wir denn überhaupt veranlasst waren, Gutes zu tun. Letztendlich hält man also genau das am Leben, was man glaubt zu bekämpfen.