Kategorie-Archiv: politik

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Killing them softly with their words

FotoWenn Angela Merkel „Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert“ auf dem Deutschlandtag der Jungen Union mal so dahinsagt (2010) und Horst Seehofer sich “bis zur letzten Patrone” gegen die Einwanderung in Sozialsysteme wehren will, dann wirken solche Sätze. Wie, dass entscheidet letztendlich der Diskurs und alle die ihn gestalten. Natürlich gilt noch, „dass Sprechen eine Form von Handlung ist, bedeutet nicht notwendigerweise, dass es tut, was es sagt“ ( Butler, Hass spricht, S. 162), doch ohne Gegenrede kippt die Balance in einem Diskurs. Nicht nur Große Worte strukturieren, sondern auch die Gesten im Kleinen, das Nichtgesagte und das Nichthandeln.

Ein nicht endend wollender NSU Prozess, in dem die Hauptangeklagte mit wehendem Haar, popstargleich, begleitet von drei Anwälten im Zeitlupengerichtseinmarsch immer bestens inszeniert, die Ungeheuerlichkeit der Anklage langsam ins verwaltungstechnische Nirwana abgleiten lässt und neue Erkenntnisse gar nicht mehr erwartet werden, formen den Diskurs ebenso wie Politiker, die plötzlich sozialtherapeutische Vorlieben für besorgte Pegidabürger entdecken und eine CSU Partei, die sich rühmt, den rechten Rand noch in das Bürgerliche zu integrieren. Polizisten beim KKK werden fast mit einem Schulterzucken hingenommen, Proteste gegen Flüchtlingsheime überraschen niemanden sonderlich, die Selektion in Kriegsflüchtlinge und andere Flüchtlinge wird schon lange nicht mehr hinterfragt, brennt ein Flüchtlingsheim, ist man darauf bedacht Rostock –Lichtenhagen weit von sich zu weisen und die AfD, schon längst im politischen Mainstream angekommen, gibt den Asylbewerbern gleich selbst die Schuld für alle Vorkommnisse.

Das alles ist das, was Adorno in seiner Ästhetischen Theorie als „sedimentierten Inhalt“ bezeichnet hat. Schicht um Schicht festigt sich da eine Meinung, Machtstrukturen verschieben sich innerhalb des Diskurses und alsbald wird das als Norm verstanden, was zu Anfang noch bitter aufstieß, aus das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen wird Wirklichkeit. Widerstand erfolgt nicht mehr in der Rede, nur noch in Worthülsen, in deren Abwägung das eigene Machtkalkül schon längst Eingang gefunden hat. Und wenn Prantl in der Süddeutschen krampfhaft versucht die Unterschiede zwischen Tröglitz und Rostock-Lichtenhagen zu benennen, mit dem Resümee, dass sich das Land seitdem zum Guten verändert hat, übersieht er die Tatsache, wie sehr der Diskurs selbst sich verändert hat – alleine schon durch eine der restriktivsten Asylgesetzgebungen und einem Deutschland mitten in Europa, das maßgeblich von der Drittstaatenregelung profitiert und gezielt anschwellende Konflikte aus Deutschland ausweisen kann.

Einen Diskurs, in der früher unaussprechbares mittlerweile Mainstream ist und Sarrazin Millionen Bücher verkauft indem er mit Genetik Menschen in dumm und intelligent einteilt. Der brüllende Nazi in den 90ern, der Molotow Cocktails auf Flüchtlingsheime geworfen hat, hat sich in Strukturen verflüchtet, die viel diffiziler, schon a priori die Forderungen des Pöbels aus Rohstock –Lichtenhagen umsetzen. Wenn jetzt wieder anfangen Heime zu brennen, ist das mehr als nur eine Schippe im Vergleich zu den 90ern draufgelegt. Kurz gesagt: Sehr besorgniserregend.

Das Andere ohne das Andere

Studio. Vector illustration.Unweit von meiner Wohnung, die zu einem Stadtteil des Stuttgarter Ostens gehört, ein Stadtteil übrigens, der ein wenig darniederliegt, weil ein leerstehender Laden sich an den nächsten reiht, vor allem, weil die Wiederbelebungsversuche immer wieder ökonomischen und nicht kreativen Denkmustern folgen, in diesem Stadtteil ( und natürlich vielen anderen) eröffnete unlängst so etwas ein „Fitnessstudio“.

„So etwas“ deswegen, weil es nicht mehr ist als eine Ladenfläche, spartanisch eingerichtet, mit einer Plattform im vorderen Bereich, auf der der Fitnessbedürftige mehr oder weniger im Schaufenster präsentiert wird. Die Muskeln werden von einer Apparatur stimuliert und trainiert, die Maschine erledigt die Arbeit mit und das Versprechen dieser Company lautet, dass 20 Minuten in der Woche genügen und effektiver sind als das herkömmliche Training in miefigen Turnhallen oder blankgeputzten Fitnesspalästen.

Herrlich, dachte ich, dass ist der Sidekick zu Slavoj Žižeks Diskurs des „entkoffeinierten Anderen“. Es hat in den letzten Jahren einen entscheidenden Switch in unserer Gesellschaft gegeben: Von „zuviel davon schadet“ zu „du kannst soviel davon konsumieren, wie du willst“. Denn immer mehr entfernen wir die „gefährlichen“ Eigenschaften der Waren, die wir konsumieren – Kaffee ohne Koffein, Bier ohne Alkohol, Sahne ohne Fett, Süßigkeiten ohne Zucker, die (elektrische) Zigarette ohne Nikotin etc. etc. Der neue hedonistische Mensch kann alles genießen in unserer Zeit, allerdings ohne das vermeintlich „Schädliche“.

Und diese spartanisch eingerichtete Ladenfläche verspricht nun also Fitness ohne Sport, ohne Bewegung, also Sport ohne Sport, das, was Mühe bereitet, das, was schmerzhaft sein kann, existiert nicht mehr, Fitness ohne Sport mit geringem Zeitaufwand. Auch hier wird der Faktor, der Probleme bereiten kann, entfernt.

Dass der ganze Vorgang vor einem möglichen Publikum stattfindet, weil von außen einsehbar, man also mehr oder weniger auf dem Präsentierteller schwitzt, während man von einer Maschine fit gemacht wird, offenbart ein weiteres Kennzeichen unserer Gesellschaft. Im Zeichen der Transparenz, in der der nächste Porno nur einen Klick weit weg ist, scheint alles sichtbar gemacht zu werden, gleichzeitig gibt es immer weniger eine Sichtbarmachung von Arbeit, alles soll leicht, glatt, nach Entertainment aussehen, es soll Spaß machen.

Die Zurschaustellung von Etwas, das mit Attributen von Arbeit verbunden ist, die jedoch als solche nicht mehr zu erkennen sind, in diesem Fall die Arbeit des trainierenden Menschen, ist letztendlich auch eine starke Metapher für das ultimative Ziel einer tiefen Sehnsucht unserer heutigen Gesellschaft: Erfolgreich sein, ohne etwas dafür tun zu müssen –Erfolg ohne Arbeit.