Kategorie-Archiv: selbstbehauptung

Das Andere ohne das Andere

Studio. Vector illustration.Unweit von meiner Wohnung, die zu einem Stadtteil des Stuttgarter Ostens gehört, ein Stadtteil übrigens, der ein wenig darniederliegt, weil ein leerstehender Laden sich an den nächsten reiht, vor allem, weil die Wiederbelebungsversuche immer wieder ökonomischen und nicht kreativen Denkmustern folgen, in diesem Stadtteil ( und natürlich vielen anderen) eröffnete unlängst so etwas ein „Fitnessstudio“.

„So etwas“ deswegen, weil es nicht mehr ist als eine Ladenfläche, spartanisch eingerichtet, mit einer Plattform im vorderen Bereich, auf der der Fitnessbedürftige mehr oder weniger im Schaufenster präsentiert wird. Die Muskeln werden von einer Apparatur stimuliert und trainiert, die Maschine erledigt die Arbeit mit und das Versprechen dieser Company lautet, dass 20 Minuten in der Woche genügen und effektiver sind als das herkömmliche Training in miefigen Turnhallen oder blankgeputzten Fitnesspalästen.

Herrlich, dachte ich, dass ist der Sidekick zu Slavoj Žižeks Diskurs des „entkoffeinierten Anderen“. Es hat in den letzten Jahren einen entscheidenden Switch in unserer Gesellschaft gegeben: Von „zuviel davon schadet“ zu „du kannst soviel davon konsumieren, wie du willst“. Denn immer mehr entfernen wir die „gefährlichen“ Eigenschaften der Waren, die wir konsumieren – Kaffee ohne Koffein, Bier ohne Alkohol, Sahne ohne Fett, Süßigkeiten ohne Zucker, die (elektrische) Zigarette ohne Nikotin etc. etc. Der neue hedonistische Mensch kann alles genießen in unserer Zeit, allerdings ohne das vermeintlich „Schädliche“.

Und diese spartanisch eingerichtete Ladenfläche verspricht nun also Fitness ohne Sport, ohne Bewegung, also Sport ohne Sport, das, was Mühe bereitet, das, was schmerzhaft sein kann, existiert nicht mehr, Fitness ohne Sport mit geringem Zeitaufwand. Auch hier wird der Faktor, der Probleme bereiten kann, entfernt.

Dass der ganze Vorgang vor einem möglichen Publikum stattfindet, weil von außen einsehbar, man also mehr oder weniger auf dem Präsentierteller schwitzt, während man von einer Maschine fit gemacht wird, offenbart ein weiteres Kennzeichen unserer Gesellschaft. Im Zeichen der Transparenz, in der der nächste Porno nur einen Klick weit weg ist, scheint alles sichtbar gemacht zu werden, gleichzeitig gibt es immer weniger eine Sichtbarmachung von Arbeit, alles soll leicht, glatt, nach Entertainment aussehen, es soll Spaß machen.

Die Zurschaustellung von Etwas, das mit Attributen von Arbeit verbunden ist, die jedoch als solche nicht mehr zu erkennen sind, in diesem Fall die Arbeit des trainierenden Menschen, ist letztendlich auch eine starke Metapher für das ultimative Ziel einer tiefen Sehnsucht unserer heutigen Gesellschaft: Erfolgreich sein, ohne etwas dafür tun zu müssen –Erfolg ohne Arbeit.

Das große Zaudern

10177523_10154177366615084_1712652140029159399_nDie City-Händler erwachen aus ihrem Dornröschenschlaf. So langsam dämmert ihnen, dass die Innenstadt eine Entwicklung nimmt, die nicht unbedingt in ihrem Sinne ist. Jahrelange starrte man wie das Kaninchen auf die Schlange, in diesem Falle sowohl auf den Bau des Milaneo als auch auf die zunehmende Monothematisierung der Königstrasse, um jetzt schließlich all den Mut zusammenzunehmen und sich unter dem Signet des Platzhirsches zusammenzufinden. Federführend ist die CIS- City Initiative Stuttgart (in der das Milaneo inzwischen auch Mitglied ist) und die die letzten Jahre nicht gerade dadurch aufgefallen ist, innovative Lösungen aufzuzeigen.

Das Hauptproblem ist, dass man sich selbst nie als Teil einer Schicht wahrnimmt, die mal in Schieflage geraten könnte. Ein verbreitetes gesellschaftliches Phänomen. Der Mittelschicht verheißen ernstzunehmende Studien den (noch) langsamen, aber sicheren Rückgang voraus, trotzdem orientiert sich die Mehrheit gerne nach oben, tritt nach unten, während man sich genau auf dem Weg dorthin befindet. Als vermeintlich Etablierter wähnt man sich nie im Kreise des Außenseiters. Man konnte sich schlicht und einfach nie vorstellen, dass man als Platzhirsch, als großer wichtiger Einzelhändler in der City, früher oder später ersetzt werden könnte, auch wenn die Anzeichen mehr als deutlich waren.

Neben individuellen Versäumnissen, strukturellen Problemen und globalen Veränderungen liegt meiner Meinung nach ein Grund in einem erschreckenden Mangel an Kreativität und tatsächlich darin, das Problem noch nicht annähernd erfasst zu haben. Man versucht mit Angeboten, die zu noch mehr Konsum anregen, den wegbrechenden Konsum aufzuhalten, glaubt dem Mantra des ewigen Wachstums, versucht die Probleme mit den Mitteln zu bekämpfen, die sie verursacht haben und kommt so auf unglaubliche Ideen wie den verkaufsoffenen Sonntag. Oder das Einkaufserlebnis zu emotionalisieren. Auf das Naheliegende scheint man nicht zu kommen.

Wie wäre es zum Beispiel damit, die offensichtlichen ethischen Problem von Amazon anzuprangern und damit zu werben, dass man als mittelständisches Unternehmen faire Löhne zahlt (hoffe ich mal), nicht versucht in Luxemburg die Steuer zu umgehen, Bücher bestellen kann, die auch am nächsten Tag da sind, also dem Kunden eine tatsächliche Alternative anbietet, die nicht nur im Ökonomischen liegt. Oder mal den Raum, der die Ladenfläche umgibt, so zu gestalten, dass man als Kunde gerne von Shop zu Shop flaniert und nicht nur versucht, der Billigmeile Königstrasse nach getätigtem Kauf zu entkommen.

Wir brauchen keine Aufforderungen zu mehr Konsum, sondern Ideen für einen intelligenten Konsum, der nicht Quantität, sondern Qualität, Ethik und Nachhaltigkeit in den Vordergrund stellt. Das Fluxus in der Calwer Passage ist zumindest bis Januar so ein Projekt, das als Experiment im Kleinen vielleicht als Schablone für Großes dienen kann.

Aber auch an der Calwer Passage zeigt sich ein Problem, das immer präsenter wird: Das Aufkaufen von Gebäuden durch Großinvestoren, die natürlich kurzfristige ökonomische Ziele im Auge haben und nicht das, was der Stadt gut tut. In Ausnahmefällen gibt es hier eine Schnittmenge. Hier herrscht meiner Meinung nach, wie sagt man so schön, dringender Diskussionsbedarf.