Kategorie-Archiv: selbstbehauptung

City Maut

FullSizeRenderStuttgart ist wieder Feinstaub Spitzenreiter. Die Empörung hält sich in Grenzen. Aber was soll man auch machen, wenn man in der Innenstadt wohnt? Nach Plieningen ziehen? Steht es schon so schlimm um die Innenstadt? Langsam dämmert aber die Erkenntnis, dass die Luft, die wir einatmen immer mehr zum Feind wird.

Und ja, ich kenne sie alle, die Argumente. Der Kessel ist schuld, mehr Luftschneisen etc. etc. Und die jetzt endlich getroffenen Maßnahmen wie Temporeduktion auf Steigungen, der Versuch einer besseren Taktung bei den Öffentlichen, Jobticket, alles notwenig, sinnvoll, längst überfällig und müssen als solche auch weiterhin erhalten werden, aber wir müssen endlich mal an das Offensichtliche ran: An das Auto. Und zwar radikal. Warum schaffen wir es eigentlich nicht, das in die Wege zu leiten, was andere Weltstädte (London, Oslo, Mailand, Rom, Singapur etc.) schon längst gemacht haben: Wir brauchen eine City Maut.

So eine Diskussion müsste schon längst in Stuttgart geführt werden, findet aber nicht statt. Warum? Ist die Sorge, plötzlich als derjenige dazustehen, der „Politik gegen das Auto“ macht und die damit verbundene Argumentationskette, die immer bei „Es kostet Arbeitsplätze“ aufhört so groß, dass sie über die Sorge der Gesundheit der Bürger steht? Es geht nicht um eine Politik gegen das Auto, es geht um eine Politik für Menschen. Und welcher Schaden soll denn bitte eine autoreduzierte Innenstadt in Stuttgart für die hiesige Autoindustrie haben, die schon den größten Teil ihrer Produkte exportiert? Für Daimler wäre es weitaus schädlicher, wenn sich übermorgen Peking entscheiden würde autofrei zu werden.

Wir brauchen diese Diskussion jetzt, der Diskurs über Verkehr und Autos muss eine andere Richtung einschlagen. Natürlich ist es eine Binsenweisheit, dass die City Maut ein komplexes Thema ist und dass sich Modelle aus anderen Städten nicht auf Stuttgart übertragen lassen, dass diese sozial verträglich sein müssen, dass die City Maut von anderen Maßnahmen flankiert werden muss und dass das Auto nicht die Alleinschuld am Feinstaub trägt. Umso mehr darf man keine Zeit mehr verlieren, muss jetzt damit anfangen, zusammen mit den Bürgern und gerne auch mit der Autoindustrie Konzepte und Ideen zu entwerfen, wie ein Stuttgarter Modell für eine City Maut aussehen könnte.

Das entlässt die Bundesregierung nicht aus der Verantwortung, die Industrie an ihre Verantwortung für die Umwelt zu erinnern und entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Es geht aber nicht nur um Feinstaub. Das Auto belastet auch an andere Stelle. Dazu reicht ein Besuch ab ca. 16 Uhr im Stuttgarter Osten. Allein um durch den Wagenburgtunnel zu fahren braucht man durchschnittlich fünfzehn Minuten, danach zieht sich der Stau bis weit hinter den Gaskessel. Es ist laut, es stinkt, das Auto verdrängt den Menschen aus dem öffentlichen Raum, es wird kaum noch in Frage gestellt, dass Parkplätze Raum besetzen, der anderweitig im Sinne der Bürger genutzt werden könnte.

Wir brauchen ein neues Denken, müssen endlich diese Sozialisation, die wir mit dem Auto erfahren haben, knacken und uns trauen, das große Ding zu wagen. Allerdings wird dieses Denken schon vorab verhindert, weil wir uns nicht an den großen Entwurf wagen, was denn nun auch immer am Ende dabei herauskommen mag.

Ich sehe den Ball nicht nur bei der Politik sondern auch bei der Zivilgesellschaft. Meine Befürchtung ist allerdings, dass es nicht einfach sein wird, auch diese Seite zu überzeugen, denn was der Mensch nicht unmittelbar als Gefahr wahrnimmt, sieht er erstmal auch nicht als Gefahr. Außerdem wurde das Leben in dieser Stadt seit Jahrzehnten auf das Auto abgestimmt, es erfordert bis dato einfach mehr Aufwand autofrei zu leben als in anderen Städten, aber nichts, was man nicht ändern könnte und was gerade im Begriff ist, wenn auch sehr verhalten, sich zu ändern.

Oder wir nehmen es einfach hin, jedes Jahr aufs Neue: „Stuttgart hat die schlechteste Luft Deutschlands“. Wird schon gehen. Irgendwie. Dann eben nach Plieningen ziehen. Wobei der Flughafen. Also irgendwie nach oben. Die im Kessel schmoren lassen in ihrer Feinstaubsoße.

Können wir nicht einfach ein bisschen Ennio Morricone sein?

FotoDer Streit um die Wagenhallen ist wieder auf die Kulturbühne in Stuttgart zurückgekehrt, heftiger denn je, denn diesmal geht es um das große Geld, 30 Millionen schwirren im Raum. Das Erste, was mir sofort aufgefallen ist, dass es eine Konstante zwischen politischen und kulturellen Diskursen gibt: die konservative Seite hält, auch bei größeren Differenzen stramm zusammen, während das linksliberale Spektrum in kleinteiligen Diskussionen das eigentliche Ziel aus den Augen verliert.

Der begrenzt zur Verfügung stehende Raum in Stuttgart ist auch für die Kultur ein großes Problem und zwar für die ganze Klaviatur der Kultur. Bildende Künstler brauchen Ateliers, die sie durchgehend nutzen können, die freie Szene brauche Räume zum Aufführen, Kunst braucht Räume um ausgestellt und Musik Flächen um gespielt zu werden. Eines der vorrangigen Ziele Kulturschaffender in Stuttgart sollte immer sein, so viele Räume wie möglich für Kunst und Kultur zu erkämpfen. Nur, welche Kunst und Kultur ist es denn überhaupt Wert, dass man für sie kämpft?

Adorno riebe sich vergnüglich jeden Tag die Hände, könnte er miterleben wie seine kulturkritischen Argumente innerhalb der Populärkultur eingesetzt werden um dieselbige zu diffamieren und in denselben Argumentationschor wie die Hochkultur einzustimmen und damit gleichzeitig ihren kulturpolitischen Vorsprung auszubauen. Nicht, dass wir nicht innerhalb der Populärkultur auch Kriterien zur Differenzierung benötigen, im Gegenteil, allerdings kann man gar nicht so schnell Halt sagen, wie das Kulturindustrieargument aus dem Hemdsärmel gezogen und von Helene Fischer über Max Goldt, Rocko Schamoni alles über einen Scheitel gezogen wird. In den allermeisten Fällen, so auch im Fall des Kulturbetriebes Wagenhallen, klingt das dann meistens so: „Aber die sind ja so kommerziell und machen nur Dinge für die Masse, es geht nur ums Geld“. Da wird wenig differenziert und die Demarkationslinie was denn nun genau Kommerz ist, wird an dem Glauben festgemacht, dass man als Künstler in unserem System so etwas wie eine durchgängige Haltung an den Tag legen könnte, die sich darin erstreckt unabhängig von merkantilen Geschehnissen sein Ding zu machen.

Die Dynamik, die sich aus einer Konstellation Kulturbetrieb Wagenhallen vs. Kunstverein Wagenhallen ergibt, hat und kann weiterhin im Idealfall wunderbare Dinge für Stuttgart hervorbringen. Schon allein deswegen müssen die Wagenhallen als Gesamtkonzept erhalten werden und weil wir in Stuttgart einerseits dringend die Clubfläche benötigen und anderseits Stuttgart es sich keinesfalls leisten kann, wichtige und renommierte Künstler an andere Städte zu verlieren.

Vor kurzem war ich auch auf dem Konzert von Maestro Morricone. Auf der Bühne ein Chor, ein klassisches Orchester Set , dazu noch Synthesizer, E-Gitarrre, Schlagzeug, etc.
Ennio Morricone sah sich auch Zeit seines Lebens mit Menschen konfrontiert, die in ihren Denkparadigmen verhaftet, Musik nur noch mit der Ratio und nicht den Herzen wahrzunehmen in der Lage waren. Seine Musik ist inzwischen fester Bestandteil unseres kulturellen Gedächtnisses und der Abend ein schönes Sinnbild, wie man durchaus verschiedene Kulturansätze und zu einem imposanten, beeindruckend harmonischen Orchester zusammenzufügen kann.

Können wir nicht einfach ein bisschen Ennio Morricone sein?