Böhmermann und hoffentlich kein Ende

BLog_BöhmermannFotoWas uns in der Kultur, in der Politik, im Entertainment oder bei „irgendetwas mit Medien“ immer aus der Fassung bringt, ist, wenn Kategorien uns ihren Dienst versagen, wenn Begriffe für das, was wir da beschreiben sollen nicht mehr recht passen wollen. Bevor wir zugeben, dass wir nicht genau wissen, was da vor sich geht, pressen wir Gesehenes oder Gehörtes lieber in altbekannte Formate. Vor einigen Tagen wurde ein Medienwissenschaftler zu dem Fall Böhmermann gefragt, wie denn das „Schmähgedicht“ literaturwissenschaftlich einzuschätzen sei. Seine These: „Jan Böhmermann hat eine unmögliche Textgattung erfunden, die nicht funktioniert. […] Man kann ja ganz schnell den Test machen. Ich sage jetzt alles, was man nicht über Jan Böhmermann sagen darf…“

Dabei übersieht er mal kurz 30 Jahre kulturwissenschaftliche Entwicklung, insbesondere das, was man Performance Turn nennt. Böhmermann hat keine neue Textgattung kreiert, sondern ein gelungenes Stück Performance in den ZDF -Studios inszeniert. Vor Zuschauern inszenierte er zusammen mit Ralf Kabelka eine Performance, ein Stück Theater, wenn man so will, dessen Bestandteil das „Gedicht“ war. Zudem noch in einer Sendung, die genau diese Art von Performance schon zahlreiche Male davor aufgeführt hat. Den Text vollkommen zu entkontexualisieren, isoliert zu betrachten und die Performer zu entfunktionalisieren, also so zu tun, also wären sie nur Platzhalter, beliebig durch Personen in anderer Funktion ersetzbar, ist falsch. So ist dann auch die vielbeschworene Gefahr, es reiche in Zukunft nur voranzustellen, „das dürfe man auf gar keinen Fall sagen“, um dann Beleidigungen loszuwerden, die die Ehre einer Person angreifen, schlichtweg nicht haltbar. Ein Politiker, z. B. kann in seiner Funktion nicht im Bundestag an das Rednerpult treten und nur annähernd Gleiches aufführen. Ein Lehrer kann in seiner Funktion nicht vor die Klasse treten und seine Schüler beleidigen.

Böhmermann in seiner Funktion als Satiriker schon.

Vollkommen legitim natürlich über die Wortwahl zu diskutieren und den Vorwurf des Rassismus’. Für mich spricht aber genau der extreme Wortgebrauch Böhmermann davon frei. Diese extreme Wortwahl klassifiziert das Geschehne erst recht als performativen Akt, eine Art Publikumsbeschimpfung 2.0. Gerade heutzutage kommt doch Rassismus und Antisemitismus als Wolf im Schafsfell daher, oft nicht auf den ersten Blick erkennbar, Böhmermann macht diese Rassismen, wenn überhaupt, sichtbar.

Und dann wären wir bei dem wichtigsten Punkt. Wozu das Ganze?

Böhmermann erfüllt genau die Aufgabe, die man von guter Kunst verlangt. Sie ist nicht nur einfach simple Darstellung, sondern die Sichtbarmachung gesellschaftlicher und politischer Vorgänge, die nur Kunst und Kultur freilegen kann. Die Bewertung obliegt dann dem Zuschauer und Kritiker. Zu gerne hätte die Bundesregierung den Deal mit der Türkei und Erdogan hingetuschelt, ein wenig negative Presse, alles nicht so schlimm, fertig ist die Flüchtlingsabwehr. Doch nun wird Tag für Tag klar, zu welchem Preis der Deal zustande kam. Man kann nicht so tun, als wüsste man nicht, mit wem man es mit Erdogan zu tun. Diese Böhmermann-Aufführung deckt das politische Dilemma einer bestimmten Haltung auf, anscheinend geprägt von europäischen Werten und pragmatischer Tagespolitik, die darauf ausgerichtet, ist möglichst wenige Flüchtlinge nach Europa zu lassen. Sie sorgt dafür, dass die Verstöße gegen die Presse- und Meinungsfreiheit der Türkei immer und immer wieder ans Licht gezerrt werden. Sie zeigt, wie zerbrechlich demokratische Errungenschaften sind und weist gleichzeitig ihre Schwachstellen auf, unter anderem, dass eine demokratische Wahl nicht automatisch in demokratische Umsetzung münden muss. Sie zwingt politische Vertreter zu klaren Bekenntnissen.

Und natürlich halte ich die Entscheidung von Merkel falsch. Zu behaupten, über die
seit jeher umstrittene Frage was Satire darf, kann in einem Rechtsstaat nicht die Politik befinden sondern nur die Justiz, ist ja richtig. Aber schon alleine dadurch, dass die Politik gezwungen war, durch §103 darüber entscheiden zu müssen, war es eine politische Entscheidung („Die Kanzlerin hatte zuvor bekannt gegeben, dass die Bundesregierung der Staatsanwaltschaft eine Verfolgungsermächtigung erteile.“ Frank Überall/ Dt. Journalistenverband). Merkel hat sich in ihrer politischen Funktion als Bundeskanzlerin über Böhmermanns „Gedicht“ ausgelassen – auch eine politische Bewertung.

Zu einer zivilrechtlichen Klage wäre es durch Erdogans Anzeige in jedem Fall gekommen, damit wäre der Justiz genüge getan. Wie anders soll man denn nun Merkels Vorgehen verstehen, als dass sie sich in diplomatischer Abwägung dafür entschieden hat, den Türkei-Deal nicht zu gefährden. Und dass Erdogan nun genau die Genugtuung hat, die er von Anfang an im Blick hatte. Da fragt man sich, wozu die 2,5 Millionen Flüchtlinge in der Türkei in Zukunft noch als Pfand eingesetzt werden.

Ich hoffe, die Böhmermann Performance dreht noch eine Weile die Runde und die Solidarisierung aus Kunst und Kultur schlägt sich in ähnlichen intelligenten Aktionen nieder, um gesellschaftliche und politische Verwerfungen aufzuzeigen.

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