Alle Artikel von Walter Ercolino

Herz der Finsternis

Herz der Fisternis
Inzwischen sind wir bei der Video Game Strategie angekommen. Wir schauen zu und fragen uns wer wie weit kommen wird, ohne sein Leben zu verlieren. Die Neue Zürcher Zeitung, nennt die Zahl von 23.000 Toten, ertrunken, vermisst, die Küste nicht erreicht. Und wir brauchen uns nichts vormachen, Deutschland ist nicht das letzte Level sondern oft auch nur eine Fortsetzung des Schreckens in anderer Form. Es scheint ein signifikanter Unterschied zu sein, ob man nun in Tröglitz oder Stuttgart landet, gleich ist in jedem Fall, dass das Bleiben fernab der Heimat erst nach Jahren feststehen wird, der Schrecken sich im Alltag manifestiert. Was den Flüchtlingen widerfährt versuchen wir durch Abstrahierung und Bürokratisierung zu verdrängen.

Die Ereignisse im Wirklichen verwandeln sich mit zunehmender Wiederholung in eine dramatische Aufführung, eine Fiktion also, die wir uns so oder so zurechtbiegen. Es ist kein Wegschauen, zumindest am Anfang nicht – es ist ein Hinschauen. Wir starren auf eine Leinwand, einen Bildschirm und das was am Anfang schockierte wird zum Kino, einem Schauspiel, das wir von der Wirklichkeit abkoppeln. Die Wahrnehmung folgt Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie der Medien. Die Wiederholung langweilt. Die Wiederholung der Wiederholung umso mehr.

Der Syrien Konflikt hat bis dato 200.000 Tote gefordert, 9 Millionen sind auf der Flucht. Die Diskussionen über Waffenlieferungen oder über Hilfsmaßnahmen sind wie so oft in der Geste verharrt und Syrien sprichwörtlich vom Bildschirm verschwunden. Um dorthin zurückzukehren und damit in unsere Zone der Aufmerksamkeit bedarf es einer Dramatisierung Hollywood’schen Ausmaßes, ein einfaches Sterben im Krieg genügt nicht mehr. Es muss inzwischen um die letzte Schlacht gehen, um ein zivilisatorisches Armageddon, drunter geht es nicht. Für uns bleiben Bilder, die bestenfalls noch kurze Affekte erzeugen, mehr nicht. Wir werden zu Schaulustigen degradiert.

Es bleibt wenig Hoffnung auf Änderung. Es müssen immer neue Benchmarks gesetzt werden, damit eine Nachricht mehr als nur eine Randnotiz wert ist. 400 Ertrunkene. 700 Ertrunkene.
Die Reaktionen im Politischen sind überschaubar, erwartbar und natürlich heuchlerisch. Jetzt werden erst einmal Flüchtlingsgipfel einberufen. Zusammensitzrituale mit wenig Gehalt, die nicht mehr als Alibifunktionen besitzen. Während geredet wird, ertrinken Menschen. Aber geht es um Entscheidungen, Flüchtlinge abzuwehren, sind diese schnell getroffen. Mare Nostrum wurde abgeschafft. Mare Nostrum war dezidiert für Rettungsaktionen von Flüchtlingen in Seenot zuständig, stattdessen wurde nun Frontext beauftragt. Frontex ist die „Agentur“, die dafür Sorge zu tragen hat, das keine Flüchtlinge nach Europa kommen, dass nennt sich übrigens „Border Managment“.

Würde die Regierung Deutschlands, das Land, das als drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt gilt, ernsthaft diesem Sterben ein Ende bereiten wollen, wäre dies keine leichte, aber lösbare Aufgabe – zusammen mit den anderen europäischen Ländern. Doch das Ertrinken der Flüchtlinge ist Teil der Abwehrmaßnahmen, eine simple und effektive Abschreckungsmaßnahme. Flüchtlinge sind nicht willkommen, wir sollten endlich mit diesem Ammenmärchen aufhören, das Gegenteil ist der Fall. Alles ist auf Abwehr ausgelegt, Dublin 3, Drittstaatenregelung, sichere Herkunftsländer, Frontex und auch sprachlich wird die Abwehr zelebriert (siehe auch:killing them softly with their word) Um fast jeden Standort für ein Flüchtlingsheim wird gestritten. Auch in Stuttgart. Keiner will sie vor der Haustür habe. Die politischen Parteien machen sich allesamt mitschuldig und outen ihren sogenannten Markenkern als Farce. Die CDU ist nicht christlich, die SPD nicht sozial und die Grünen haben ihre Unschuld mit Kretschmanns „Ja“ zu den sicheren Herkunftsländern auch verloren.

Wir alle schauen den Flüchtlingen zu bei ihrer Reise ins Herz der Finsternis. Am Ende wird das stehen, was Joseph Conrad in seinem Roman so trefflich beschrieben hat: „Die Dämmerung wiederholte die Worte in einem nicht endenden Geflüster rings um uns her, einem Flüstern, das drohend anzuschwellen schien wie das erste Flüstern eines aufziehenden Sturms. „Das Grauen!“ Das Grauen!“

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Killing them softly with their words

FotoWenn Angela Merkel „Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert“ auf dem Deutschlandtag der Jungen Union mal so dahinsagt (2010) und Horst Seehofer sich “bis zur letzten Patrone” gegen die Einwanderung in Sozialsysteme wehren will, dann wirken solche Sätze. Wie, dass entscheidet letztendlich der Diskurs und alle die ihn gestalten. Natürlich gilt noch, „dass Sprechen eine Form von Handlung ist, bedeutet nicht notwendigerweise, dass es tut, was es sagt“ ( Butler, Hass spricht, S. 162), doch ohne Gegenrede kippt die Balance in einem Diskurs. Nicht nur Große Worte strukturieren, sondern auch die Gesten im Kleinen, das Nichtgesagte und das Nichthandeln.

Ein nicht endend wollender NSU Prozess, in dem die Hauptangeklagte mit wehendem Haar, popstargleich, begleitet von drei Anwälten im Zeitlupengerichtseinmarsch immer bestens inszeniert, die Ungeheuerlichkeit der Anklage langsam ins verwaltungstechnische Nirwana abgleiten lässt und neue Erkenntnisse gar nicht mehr erwartet werden, formen den Diskurs ebenso wie Politiker, die plötzlich sozialtherapeutische Vorlieben für besorgte Pegidabürger entdecken und eine CSU Partei, die sich rühmt, den rechten Rand noch in das Bürgerliche zu integrieren. Polizisten beim KKK werden fast mit einem Schulterzucken hingenommen, Proteste gegen Flüchtlingsheime überraschen niemanden sonderlich, die Selektion in Kriegsflüchtlinge und andere Flüchtlinge wird schon lange nicht mehr hinterfragt, brennt ein Flüchtlingsheim, ist man darauf bedacht Rostock –Lichtenhagen weit von sich zu weisen und die AfD, schon längst im politischen Mainstream angekommen, gibt den Asylbewerbern gleich selbst die Schuld für alle Vorkommnisse.

Das alles ist das, was Adorno in seiner Ästhetischen Theorie als „sedimentierten Inhalt“ bezeichnet hat. Schicht um Schicht festigt sich da eine Meinung, Machtstrukturen verschieben sich innerhalb des Diskurses und alsbald wird das als Norm verstanden, was zu Anfang noch bitter aufstieß, aus das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen wird Wirklichkeit. Widerstand erfolgt nicht mehr in der Rede, nur noch in Worthülsen, in deren Abwägung das eigene Machtkalkül schon längst Eingang gefunden hat. Und wenn Prantl in der Süddeutschen krampfhaft versucht die Unterschiede zwischen Tröglitz und Rostock-Lichtenhagen zu benennen, mit dem Resümee, dass sich das Land seitdem zum Guten verändert hat, übersieht er die Tatsache, wie sehr der Diskurs selbst sich verändert hat – alleine schon durch eine der restriktivsten Asylgesetzgebungen und einem Deutschland mitten in Europa, das maßgeblich von der Drittstaatenregelung profitiert und gezielt anschwellende Konflikte aus Deutschland ausweisen kann.

Einen Diskurs, in der früher unaussprechbares mittlerweile Mainstream ist und Sarrazin Millionen Bücher verkauft indem er mit Genetik Menschen in dumm und intelligent einteilt. Der brüllende Nazi in den 90ern, der Molotow Cocktails auf Flüchtlingsheime geworfen hat, hat sich in Strukturen verflüchtet, die viel diffiziler, schon a priori die Forderungen des Pöbels aus Rohstock –Lichtenhagen umsetzen. Wenn jetzt wieder anfangen Heime zu brennen, ist das mehr als nur eine Schippe im Vergleich zu den 90ern draufgelegt. Kurz gesagt: Sehr besorgniserregend.