Alle Artikel von Walter Ercolino

Böhmermann und hoffentlich kein Ende

BLog_BöhmermannFotoWas uns in der Kultur, in der Politik, im Entertainment oder bei „irgendetwas mit Medien“ immer aus der Fassung bringt, ist, wenn Kategorien uns ihren Dienst versagen, wenn Begriffe für das, was wir da beschreiben sollen nicht mehr recht passen wollen. Bevor wir zugeben, dass wir nicht genau wissen, was da vor sich geht, pressen wir Gesehenes oder Gehörtes lieber in altbekannte Formate. Vor einigen Tagen wurde ein Medienwissenschaftler zu dem Fall Böhmermann gefragt, wie denn das „Schmähgedicht“ literaturwissenschaftlich einzuschätzen sei. Seine These: „Jan Böhmermann hat eine unmögliche Textgattung erfunden, die nicht funktioniert. […] Man kann ja ganz schnell den Test machen. Ich sage jetzt alles, was man nicht über Jan Böhmermann sagen darf…“

Dabei übersieht er mal kurz 30 Jahre kulturwissenschaftliche Entwicklung, insbesondere das, was man Performance Turn nennt. Böhmermann hat keine neue Textgattung kreiert, sondern ein gelungenes Stück Performance in den ZDF -Studios inszeniert. Vor Zuschauern inszenierte er zusammen mit Ralf Kabelka eine Performance, ein Stück Theater, wenn man so will, dessen Bestandteil das „Gedicht“ war. Zudem noch in einer Sendung, die genau diese Art von Performance schon zahlreiche Male davor aufgeführt hat. Den Text vollkommen zu entkontexualisieren, isoliert zu betrachten und die Performer zu entfunktionalisieren, also so zu tun, also wären sie nur Platzhalter, beliebig durch Personen in anderer Funktion ersetzbar, ist falsch. So ist dann auch die vielbeschworene Gefahr, es reiche in Zukunft nur voranzustellen, „das dürfe man auf gar keinen Fall sagen“, um dann Beleidigungen loszuwerden, die die Ehre einer Person angreifen, schlichtweg nicht haltbar. Ein Politiker, z. B. kann in seiner Funktion nicht im Bundestag an das Rednerpult treten und nur annähernd Gleiches aufführen. Ein Lehrer kann in seiner Funktion nicht vor die Klasse treten und seine Schüler beleidigen.

Böhmermann in seiner Funktion als Satiriker schon.

Vollkommen legitim natürlich über die Wortwahl zu diskutieren und den Vorwurf des Rassismus’. Für mich spricht aber genau der extreme Wortgebrauch Böhmermann davon frei. Diese extreme Wortwahl klassifiziert das Geschehne erst recht als performativen Akt, eine Art Publikumsbeschimpfung 2.0. Gerade heutzutage kommt doch Rassismus und Antisemitismus als Wolf im Schafsfell daher, oft nicht auf den ersten Blick erkennbar, Böhmermann macht diese Rassismen, wenn überhaupt, sichtbar.

Und dann wären wir bei dem wichtigsten Punkt. Wozu das Ganze?

Böhmermann erfüllt genau die Aufgabe, die man von guter Kunst verlangt. Sie ist nicht nur einfach simple Darstellung, sondern die Sichtbarmachung gesellschaftlicher und politischer Vorgänge, die nur Kunst und Kultur freilegen kann. Die Bewertung obliegt dann dem Zuschauer und Kritiker. Zu gerne hätte die Bundesregierung den Deal mit der Türkei und Erdogan hingetuschelt, ein wenig negative Presse, alles nicht so schlimm, fertig ist die Flüchtlingsabwehr. Doch nun wird Tag für Tag klar, zu welchem Preis der Deal zustande kam. Man kann nicht so tun, als wüsste man nicht, mit wem man es mit Erdogan zu tun. Diese Böhmermann-Aufführung deckt das politische Dilemma einer bestimmten Haltung auf, anscheinend geprägt von europäischen Werten und pragmatischer Tagespolitik, die darauf ausgerichtet, ist möglichst wenige Flüchtlinge nach Europa zu lassen. Sie sorgt dafür, dass die Verstöße gegen die Presse- und Meinungsfreiheit der Türkei immer und immer wieder ans Licht gezerrt werden. Sie zeigt, wie zerbrechlich demokratische Errungenschaften sind und weist gleichzeitig ihre Schwachstellen auf, unter anderem, dass eine demokratische Wahl nicht automatisch in demokratische Umsetzung münden muss. Sie zwingt politische Vertreter zu klaren Bekenntnissen.

Und natürlich halte ich die Entscheidung von Merkel falsch. Zu behaupten, über die
seit jeher umstrittene Frage was Satire darf, kann in einem Rechtsstaat nicht die Politik befinden sondern nur die Justiz, ist ja richtig. Aber schon alleine dadurch, dass die Politik gezwungen war, durch §103 darüber entscheiden zu müssen, war es eine politische Entscheidung („Die Kanzlerin hatte zuvor bekannt gegeben, dass die Bundesregierung der Staatsanwaltschaft eine Verfolgungsermächtigung erteile.“ Frank Überall/ Dt. Journalistenverband). Merkel hat sich in ihrer politischen Funktion als Bundeskanzlerin über Böhmermanns „Gedicht“ ausgelassen – auch eine politische Bewertung.

Zu einer zivilrechtlichen Klage wäre es durch Erdogans Anzeige in jedem Fall gekommen, damit wäre der Justiz genüge getan. Wie anders soll man denn nun Merkels Vorgehen verstehen, als dass sie sich in diplomatischer Abwägung dafür entschieden hat, den Türkei-Deal nicht zu gefährden. Und dass Erdogan nun genau die Genugtuung hat, die er von Anfang an im Blick hatte. Da fragt man sich, wozu die 2,5 Millionen Flüchtlinge in der Türkei in Zukunft noch als Pfand eingesetzt werden.

Ich hoffe, die Böhmermann Performance dreht noch eine Weile die Runde und die Solidarisierung aus Kunst und Kultur schlägt sich in ähnlichen intelligenten Aktionen nieder, um gesellschaftliche und politische Verwerfungen aufzuzeigen.

City Maut

FullSizeRenderStuttgart ist wieder Feinstaub Spitzenreiter. Die Empörung hält sich in Grenzen. Aber was soll man auch machen, wenn man in der Innenstadt wohnt? Nach Plieningen ziehen? Steht es schon so schlimm um die Innenstadt? Langsam dämmert aber die Erkenntnis, dass die Luft, die wir einatmen immer mehr zum Feind wird.

Und ja, ich kenne sie alle, die Argumente. Der Kessel ist schuld, mehr Luftschneisen etc. etc. Und die jetzt endlich getroffenen Maßnahmen wie Temporeduktion auf Steigungen, der Versuch einer besseren Taktung bei den Öffentlichen, Jobticket, alles notwenig, sinnvoll, längst überfällig und müssen als solche auch weiterhin erhalten werden, aber wir müssen endlich mal an das Offensichtliche ran: An das Auto. Und zwar radikal. Warum schaffen wir es eigentlich nicht, das in die Wege zu leiten, was andere Weltstädte (London, Oslo, Mailand, Rom, Singapur etc.) schon längst gemacht haben: Wir brauchen eine City Maut.

So eine Diskussion müsste schon längst in Stuttgart geführt werden, findet aber nicht statt. Warum? Ist die Sorge, plötzlich als derjenige dazustehen, der „Politik gegen das Auto“ macht und die damit verbundene Argumentationskette, die immer bei „Es kostet Arbeitsplätze“ aufhört so groß, dass sie über die Sorge der Gesundheit der Bürger steht? Es geht nicht um eine Politik gegen das Auto, es geht um eine Politik für Menschen. Und welcher Schaden soll denn bitte eine autoreduzierte Innenstadt in Stuttgart für die hiesige Autoindustrie haben, die schon den größten Teil ihrer Produkte exportiert? Für Daimler wäre es weitaus schädlicher, wenn sich übermorgen Peking entscheiden würde autofrei zu werden.

Wir brauchen diese Diskussion jetzt, der Diskurs über Verkehr und Autos muss eine andere Richtung einschlagen. Natürlich ist es eine Binsenweisheit, dass die City Maut ein komplexes Thema ist und dass sich Modelle aus anderen Städten nicht auf Stuttgart übertragen lassen, dass diese sozial verträglich sein müssen, dass die City Maut von anderen Maßnahmen flankiert werden muss und dass das Auto nicht die Alleinschuld am Feinstaub trägt. Umso mehr darf man keine Zeit mehr verlieren, muss jetzt damit anfangen, zusammen mit den Bürgern und gerne auch mit der Autoindustrie Konzepte und Ideen zu entwerfen, wie ein Stuttgarter Modell für eine City Maut aussehen könnte.

Das entlässt die Bundesregierung nicht aus der Verantwortung, die Industrie an ihre Verantwortung für die Umwelt zu erinnern und entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Es geht aber nicht nur um Feinstaub. Das Auto belastet auch an andere Stelle. Dazu reicht ein Besuch ab ca. 16 Uhr im Stuttgarter Osten. Allein um durch den Wagenburgtunnel zu fahren braucht man durchschnittlich fünfzehn Minuten, danach zieht sich der Stau bis weit hinter den Gaskessel. Es ist laut, es stinkt, das Auto verdrängt den Menschen aus dem öffentlichen Raum, es wird kaum noch in Frage gestellt, dass Parkplätze Raum besetzen, der anderweitig im Sinne der Bürger genutzt werden könnte.

Wir brauchen ein neues Denken, müssen endlich diese Sozialisation, die wir mit dem Auto erfahren haben, knacken und uns trauen, das große Ding zu wagen. Allerdings wird dieses Denken schon vorab verhindert, weil wir uns nicht an den großen Entwurf wagen, was denn nun auch immer am Ende dabei herauskommen mag.

Ich sehe den Ball nicht nur bei der Politik sondern auch bei der Zivilgesellschaft. Meine Befürchtung ist allerdings, dass es nicht einfach sein wird, auch diese Seite zu überzeugen, denn was der Mensch nicht unmittelbar als Gefahr wahrnimmt, sieht er erstmal auch nicht als Gefahr. Außerdem wurde das Leben in dieser Stadt seit Jahrzehnten auf das Auto abgestimmt, es erfordert bis dato einfach mehr Aufwand autofrei zu leben als in anderen Städten, aber nichts, was man nicht ändern könnte und was gerade im Begriff ist, wenn auch sehr verhalten, sich zu ändern.

Oder wir nehmen es einfach hin, jedes Jahr aufs Neue: „Stuttgart hat die schlechteste Luft Deutschlands“. Wird schon gehen. Irgendwie. Dann eben nach Plieningen ziehen. Wobei der Flughafen. Also irgendwie nach oben. Die im Kessel schmoren lassen in ihrer Feinstaubsoße.